Störungen der Beziehung — eine kurze Analyse
Beziehungsstörungen lassen sich auf drei Ebenen herunter brechen und beschreiben. Störungen treten demnach auf der Partnerschaftlichen Ebene, auf der Projektion und in der Symbiose auf.
Sie beschreiben eine Devianz von der „Normalen Hierarchie“ im familiären oder beruflichen Umfeld.
Nehmen wir als einfaches Beispiel die Familie, da man an ihr sehr schön den Weg von der Geburt bis hin zum Tod, die einzelnen Instanzen und dessen Störungen beschreiben kann.
1. Beziehungsstörung: Partnerschaftliche Ebene
In der ersten Beziehungsstörung ist das Kind der Partner seiner Mutter/seines Vaters. Die Eltern verabschieden sich dabei von der Rolle des Erziehenden und gehen eine partnerschaftliche Beziehung auf Augenhöhe ein. Die Eltern sind nicht mehr erziehungsfähig, obwohl sie erziehungsberechtigt sind. Eltern solcher Kinder können bei deviantem Verhalten die Situati-on nicht spiegeln, suchen also nicht die Konfrontation mit der Störung. Es müsste zur Strafe (Sanktion) kommen, die allerdings ausbleibt. Die Eltern gestehen dem Kind eine Reife zu (als Partner), die es noch gar nicht haben kann – auf Augenhöhe. Die psychische Phase der Beziehungsstörung auf der partnerschaftlichen Ebene ist die der Allmachtsphase. Folge: Das Kind erlebt sich als „am größten“, „am besten“ und „am schönsten“.
2. Beziehungsstörung: Projektion
In der Projektion, der zweiten Ebene der Beziehungsstörung, wird das Kind zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse missbraucht. Eigene Defizite werden auf das Kind – oder besser – in das Kind projiziert, um eigene Defizite zu kompensieren. In der Phase der Projektion kommt es zu zwei Effekten.
- Das Kind dient als Messlatte, wie gut ich bin
- Das Kind dient dazu, dass ich geliebt werden kann
Das Kind dient dann als Messlatte, wenn es beispielsweise in der Schule gute Leistungen gebracht hat, denn dann sind die Eltern zufrieden bzw. glücklich. Doch gleichzeitig kommt es zur Umkehrung der realen Machtverhältnisse. Die Kinder steuern die Eltern durch ihr Verhal-ten. Der Erwachsene ist vom Kind abhängig. Er definiert sein eigenes Selbstbewusstsein ausschließlich über das Verhalten des Kindes. Beim zweiten Effekt ist das Kind dafür da, dass die Eltern geliebt werden. Den Wünschen der Kinder wird stattgegeben, Eltern erhalten dadurch (vermeintlich) Liebe vom Kind und gleichzeitig auch Bestätigung, die sie wo anders, beispielsweise vom Partner, nicht bekommen. Konflikte in der Familie und zu den Kindern werden vermieden, weil „Liebesentzug“ drohen würde. Ähnlichkeiten zur Beziehungsstörung auf Ebene der Partnerschaft sind hier zu erkennen. Es wird den Impulsen der Kinder entspro-chen um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Von der Psyche her betrachtet fühlt das Elternteil in die Bedürfnisse des Kindes hinein und projiziert sich selbst in das Kind. Es fühlt also mit dem Kind und leidet ebenso mit. Der Erwachsene ist allerdings in der Situation, das Leiden zu beenden. Dadurch wird die natürliche Distanz zwischen Erwachsenen und Kind vollständig aufgehoben. Die „Normale Hierarchie“ ist gestört, da sich das Kind in der Hierarchie über dem Erwachsenen befindet. Die Folgen sind fatal, denn das Kind erfährt eine starke narzisstische Aufwertung und verbleibt auf der psychischen Entwicklungsstufe eines Kindes im Alter von 18 – 30 Lebensmonaten.
3. Beziehungsstörung: Symbiose
In der Symbiose fällt endgültig die Wahrnehmung des Kindes als Kind weg und es kommt zur Verschmelzung der elterlichen Psyche mit der kindlichen. Kinder sind in einer sehr frühen psychischen Entwicklungsphase fixiert. Sie können nicht mehr zwischen der „Nervenzelle Mensch“ und der „Nervenzelle Gegenstand“ differenzieren. Nach Winterhoff bildet sich zunächst die „Nervenzelle Gegenstand“. Alles ist „Ding“ bzw. „Gegenstand“ in der kindlichen Entwicklung. Der Gegenstand Stuhl wird erforscht, erkundet und ausgetestet. Er leistet keinen Widerstand. Anders sieht es bei der „Nervenzelle Mensch“ aus. Eltern lassen sich nach der „Normalen Hierarchie“ nicht lenken und setzen Grenzen bzw. sanktionieren. Diese Grenzen definieren Kinder „Mensch“, es bildet sich die „Nervenzelle Mensch“. Kinder lernen also durch Abgrenzung der Eltern den Unterschied kennen. Eltern lassen sich nicht steuern, der Stuhl sehr wohl. Kinder, die sich in einer Symbiose befinden, können nicht mehr zwischen Gegenständen und Menschen unterscheiden. Sie behandeln Menschen wie Gegenstände, da ihre „Nervenzelle Mensch“ nicht durch die Eltern ausgebildet wurde. Erwachsene Menschen haben zwei Reaktionsmuster. Ein kognitives, welches das zwischenmenschliche steuert und beeinflusst, sowie ein reflexives, welches das Gegenständliche steuert und beeinflusst. Ein Reflex kann nicht kognitiv gesteuert werden. Eltern in einer Symbiose reagieren reflexartig auf Störungen. Dies kann soweit führen, dass sie ihre Kinder schlagen – ohne darüber nach-zudenken, ein Reflex. Ihre „Nervenzelle Mensch“, also das Verhalten bzw. die Abgrenzung wurde nie erlernt. Viele weitere Faktoren spielen hier noch eine weitere Rolle. Überforderung im Beruf, in der Partnerschaft, eine scheinbar ausweglose Situation. Die mangelnde Abgren-zung zwischen dem Zwischenmenschlichen und dem Gegenständlichen lässt Eltern in der Beziehungsstörung Symbiose.
Fazit
Es bleibt abzuwarten inwieweit kommende Generationen vor dem Hintergrund der beschrie-benen Probleme in der Sozialisation ihre Kinder erziehen. Die Auswirkungen sind noch nicht abzuschätzen, für eine genaue Betrachtung bedarf es mehr Zeit, Geld und eine andere Form, als ein Lernprotokoll. Abschließend sei das Buch von Martin Winterhoff sehr zu empfehlen, das ich parallel zu Peter Dentlers Buch „Liebe ist eine Entscheidung“ gelesen habe. In beiden Büchern sind viele Parallelen zu den oben beschriebenen Themen zu finden.
Der Text bezieht sich auf das Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit“ von Martin Winterhoff.
Buchtipp
Gebundene Ausgabe: 191 Seiten
Verlag: Gütersloher Verlagshaus; Auflage: 21., Aufl. (2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3579069802
ISBN-13: 978–3579069807
